In einer langen Doppelreihe marschieren wir zusammen mit unseren Kameraden in die Schlacht. Zu beiden Seiten schlägt die feindliche Artillerie ein und unsere Musiker spielen den Dixieland. Kugeln des Feindes treffen den Vordermann, der leblos zur Seite kippt. Sofort füllen wir seinen Platz aus und die Offiziere befehlen zu halten. Aus dem Maisfeld ertönt ein “Huzzah” aus mehreren hundert Kehlen. Blauunifomierte Gestalten stürmen mit Bajonett auf uns zu. Wir geben als Kompanie eine Salve ab und sind gerade beim Laden der Muskete, als wir sehen, wie sie näher kommen und der Nahkampf unausweichlich wird! Das ist der Amerikanische Bürgerkrieg, das ist War of Rights!

War of Rights – Das Spiel

Das Spiel War of Rights ist ein Multiplayer-Egoshooter, das 2018 vom Sechs-Mann-Team Campfire programmiert wurde. Es wurde vollständig aus Crowdfunding finanziert und ist als Alpha-Version bzw. Early Access auf Steam erhältlich. War of Rights spielt während der Maryland-Kampagne des Amerikanischen Bürgerkriegs im September 1862 . Die Schlacht von Antietam liegt hierbei im Fokus.

Der Amerikanische Bürgerkrieg dauerte von 1861 bis 1865 zwischen den Nordstaaten (Union) und den Südstaaten (Konföderation) der Vereinigten Staaten von Amerika. Grund des Konflikts war u.a. der Disput darüber, ob die USA ein Staatenbund oder ein Bundesstaat war, sowie nicht zuletzt die Sklaverei im Süden. Während des Kriegs stellten die deutschen Einwanderer den größten Anteil an “ausländischen” Soldaten. Nach dem Sieg der Union 1865 wurde die Sklaverei durch den 13. Zusatzartikel abgeschafft und die USA als Bundesstaat definiert. 

Das Gameplay 

Das Spiel ist grundlegend ein Onlineshooter. Wir steuern einen Soldaten über Tastatur und Maus in Egoperspektive. Dabei führen wir zwei Waffen mit uns: Eine Schusswaffe und eine Nahkampfwaffe. Während eines Gefechts gibt es keine Klassen wie in Battlefield. Stattdessen ist es möglich als einfacher Soldat, Unteroffizier oder Offizier in die Schlacht zu marschieren.

Als einfacher Private und Unteroffizier tragen wir meist eine Muskete und ein Bajonett mit uns, als Offizier Säbel und Revolver. Die Plätze für Offiziere und Unteroffiziere sind limitiert. Ihre Rolle ist das Führen und Leiten der Kompanie. Der Fahnenträger trägt die stolzen Farben der Kompanie und dient als unbewaffneter mobiler Spawnpunkt

War_of_Rights_Guard
Die Union macht sich zur Abwehr bereit!

Anders als in den übrigen Shootern besitzen wir in War of Rights aber kein dauerhaft angezeigtes HUD. Es ist nur per Tastendruck für eine kurze Zeit sichtbar. Es gibt auch keine Anzeige zu Gesundheit und Munition. Beim Ersteren ist es aber auch egal, denn nach einem Treffer ist der Spieler tot. Dass die Munitionsanzeige auch fehlt, macht es meiner Meinung nach deutlich realistischer. Außerdem gibt es keine Kill/Death-Statistik, sodass man meist gar nicht genau mitbekommt, wie viele Gegner man über den Jordan schickte.

I’ll place my knapsack on my back and my rifle on my shoulder

“Ein Onlineshooter im Bürgerkrieg? Wie geht denn das?!” werden sich sicherlich ein paar denken und ja, es ist anders als beispielsweise Arma 3 oder Battlefield. Das Spiel sorgt mit seinem einzigartigen Mechanismus, dass man mit seinen Mitspielern in einer Linie stehen soll. Stirbt man “out of the line”, also außerhalb einer Formation, verliert die Seite 5 Tickets. Stirbt man in Formation, so ist es nur eins. Auch das Zielen selber ist in Formation deutlich leichter; freistehend schwingt die Muskete wie wild umher.

Get ‘em boys! 

Aufgrund der Mechanik sind die Gefechte in War of Rights nicht so individuell wie in den üblichen Shootern, langweilig aber nicht. Einerseits schlägt mein historisch-begeistertes Herz höher, weil “endlich mal” der Kampf in einer anderen Epoche als den  längst ausgelutschten Szenarien (WW2 und Moderne) spielt und durch die Vorderlader ein komplett anderes Spielerlebnis vermittelt wird. Andererseits verlagert sich die Dynamik: Wirkt der Anblick von zwei aufeinander schießenden Linien zuerst recht starr und eintönig, ändert sich die Einstellung schlagartig, wenn man Teil der Linie ist und den Kampf aus der Egoperspektive erlebt. Denn wir haben pro Ladung nur einen Schuss und der muss sitzen. Wenn nicht, darf der Gegner wieder schießen, während wir laden. Und das kann sehr nervenaufreibend sein. 

War_of_Rights_ Kampf
Die Rebellen haben an der Mauer Stellung bezogen und beschießt die Union

Apropos nervenaufreibend: Genauso eng wird es, wenn Kameraden  eine Salve abgefeuert haben und der Feind dann mit gezücktem Bajonett auf die eigene Linie zurennt, oder umgekehrt! Da entscheiden meist nur wenige Sekunden über Leben und Tod 😀 

I’ll march away to the firing line

Sicher werden sich einige Leser denken, dass War of Rights  ein starres “in Linie stehen und sich abknallen” lassen ist. Auch in War of Rights bieten sich unterschiedliche Taktiken an, wie z.B. das Plänkeln oder Überraschungsangriffe. Oder wie mobil eine Einheit ist und schnell von A nach B gelangen kann. Die Artillerie ist derzeit (Juni 2020) auf einem Testserver spielbar und wird demnächst in das Spiel integriert, was zusätzliche Optionen und  mit sich bringt und die Kampftaktiken weiter variieren wird. Außerdem soll laut den Entwicklern noch die Kavallerie auf das Schlachtfeld folgen und die bereits vorhandenen Karten zu riesigen Karten zusammenschmelzen. Das bedeutet mehr Räume, mehr Bewegung, mehr Aktion und mehr Dynamik!

War of Rights Marching
In Reih‘ und Glied‘ geht es in War of Rights die Schlacht

Das Spielen in einer Kompanie – Join the ranks!

Das Wichtigste bei War of Rights ist aber die Interaktion mit anderen Spielern. Sind Alleingänge in anderen Spielen noch möglich, ist es in War of Rights nicht erwünscht. Abgesehen von der Spielmechanik und Waffenart geht auch viel Spielspaß verloren, wenn man auf eigene Faust durch die Wälder oder Felder Marylands stapft 😀 Relativ schnell habe ich mich einer Kompanie (8th Alabama German Legion G) der “The German Volunteers” angeschlossen und nicht bereut. 

Eine Kompanie ist in War of Rights ein Zusammenschluss mehrerer Spieler und das Pendant zur Gilde oder Clan. Sie organisieren sich um gemeinsame Drills abzuhalten und Gefechte gegen andere Kompanien zu organisieren.

Ich finde auch, dass Kompanien den Reiz von War of Rights ausmachen und so die Rollenspielelemente und auch Effektivität von Linebattles zum Tragen kommen. Eine Kompanie ist hier ähnlich dem historischen Beispiel gegliedert. Es gibt einige Offiziere, dann Unteroffiziere und die Mannschaft. 

War of Rights Beförderung
Beförderung eines Mitglied der 8th Alabama. 1862, koloriert

“Mein Name ist Drill Instructor…”

Anfänger bzw. Neulinge der 8th Alabama fangen als “Volunteer” an und steigen nach dem Absolvieren der Grundkurse (4 Volunteer Drills) in den Rang eines Privates auf. Diese Grundkurse beinhalten bei der 8th Alabama die Erklärung der Steuerung, das Üben in einer Linie zu stehen sowie das Schießen und Marschieren. Spätere Drills mit der gesamten Kompanie sind dafür da, um die Grundlagen des Volunteerdrills zu festigen. Je nach Kompanie gibt es auch verschiedene interne “Spezialisierungen”, wie z.B. den Sharpshooters oder Meldern, so dass man keine Angst haben muss “nur” gemeiner Soldat zu sein.

Für wen ist War of Rights geeignet?

Grundsätzlich natürlich für alle, die Wargaming und MilSim-Spiele mögen. Dabei saugt War of Rights den Spieler mit seinen Feuergefechten, Bajonettangriffeb und der Spielmechanik tief ins Geschehen ein, wenn man sich darauf einlässt. Empfehlenswert ist es, in eine Kompanie einzutreten und dadurch vollständige Immersion zu erfahren. Auf der deutschen Spielseite gibt es die TGV (“The German Volunteers”), die jeweils vier Kompanien stellen. Ich selbst spiele, wie erwähnt, in der 8th Alabama German Legion G.

Aber auch für Leute, die sich generell für Militärgeschichte begeistern können, ist War of Rights die richtige Anlaufstelle. Die Gefechte spielen an liebevoll und detaillierte rekonstruierte Plätzen der Originalschauplätzen, die von den Entwicklern anhand Berichten und zeitgenössischen Karten ins virtuelle Leben gebracht wurden. 

Wer ansatzweise erleben möchte, wie sich die Gefechte des 19. Jahrhunderts angefühlt haben könnten, sollte sich ebenfalls das Spiel anschauen. Vor allem, wenn mit der Einführung der Kavallerie und den riesigen Karten War of Rights sein volles Potential zeigen und epische Schlachten liefern wird.

Fazit

Ihr merkt schon, dass ich euch das Spiel wärmstens empfehle. Hier gibt es keine neonfarbenen Musketen oder golden glänzenden Deluxe-Bajonette. War of Rights ist eher ein virtuelles Reenactment der Schlacht von Antietam. Die Gefechte machen Spaß und sind keinesfalls nur starre Kämpfe wie anfänglich befürchtet. 

Allerdings hat es in der Alpha-Version auch seine Schwächen. Bugs und Abstürze sind noch vorhanden, sodass man manchmal Mitspieler nicht sieht und hört oder das Spiel einfriert. Neustarten hilft da, ist aber gerade mitten in einem Gefecht sehr ärgerlich! Kleinere Grafikfehler sind leider auch noch im Spiel, aber dafür ist es noch eine Alpha und kein Endspiel. Wer aber eine gewisse Toleranz mitbringt und einmal Soldat im 19. Jahrhundert spielen will, der mit dem Bajonett auf die feindliche Linie stürmt, dem kann ich War of Rights nur empfehlen! Und vielleicht sieht man sich ja dann in Maryland!

Kategorien: Games

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