‘Nam ’66. Das dumpfe “Whuppwhupp” der Rotoren der UH-1 Helikopter dröhnen oberhalb der Baumkronen, während im Dickicht Alpha-Platoon in Richtung Charlie vorrückt. Bravo sichert derweil die Landezone, um mit den MedEvacs (Rettungshubschrauber) die Verwundeten herauszuholen. Doch anstatt die Schwüle des Dschungels als Kommandant vor Ort zu erleben, sitzen wir im ebenso stickigen Zelt und verfolgen das Geschehen am Kartentisch – mit dem Funkgerät in der Hand! Willkommen in der grünen Hölle – willkommen bei Radio Commander!

Radio Commander – Das Spiel

Radio Commander ist Anfang Oktober (10.10.2019) auf Steam erschienen und setzt statt grafischer Explosion auf “stillen Stress”, dazu aber mehr. Die polnische Spieleschmiede Serious Sim ist neu und hat mit Radio Commander ihr Debüt abgeliefert.

Good morning, Vietnam!

Die Handlung des Spiels findet während des Vietnamkriegs statt, nachdem die USA offiziell nach dem Tonkin-Vorfall in den Krieg eintraten. Wir sind Kommandeur der Platoons Alpha und Bravo der 5-503 und 173. Luftlandebrigade und leiten deren Einsätze. Dabei haben wir je nach Mission die Möglichkeit, Luftunterstützung oder Artillerieschläge anzufordern.

Das Spielprinzip selbst ist relativ simpel: Wir sitzen in einem (wie ich finde) schön animierten Zelt im HQ und blicken auf die Karte. Dabei können wir uns auch im Zelt umschauen, steuern also aus der Egoperspektive. Allerdings bietet das Lager bei Radio Commander nicht viel, also schalten wir das Funkgerät ein (ja, wir müssen es manuell einschalten) und beugen uns über den Kartentisch. Dort sehen wir das Gelände und eventuell ein paar vorher eingezeichnete taktische Markierungen. Aber sonst nichts.

Radio Love

Also wählen wir das Alpha-Platoon unter dem Kommando von Leutnant Kovacs aus und fordern dessen Position an. Je nachdem, ob ihr euch in den Einstellungen für Funkschwierigkeiten entschieden habt, kommt die Antwort kristallklar oder (ab und an) nicht verständlich heraus. Dann müssen wir noch ein zweites Mal nachfragen, vielleicht sogar ein drittes Mal 😀

Spielansicht Radio Commander
Während Alpha die Umgebung sichert, dringt Bravo in das Vietcong Tunnel System ein.

Ausgestattet mit den Informationen, setzen wir also den Marker für Alpha bei den  übermittelten Koordinaten in der Karte, wo sich das Platoon gerade aufhält. Ihr seht schon, dass wir nichts sehen. Alle Bewegungen und Aktionen MÜSSEN bei Radio Commander über Funk laufen. Es ist kein Strategiespiel, wo wir als unsichtbarer General die Lage vor Ort sehen und befehlen. Wir sind blind und müssen unsere Leute aus der Ferne dirigieren.

Schön ist außerdem, dass gelegentliche Sticheleien oder dumme Sprüche dem Ganzen Leben einhauchen. Leutnant Kovacs und Leutnant Coleman (Bravo-Platoon) sind keine Statisten, sondern fühlen sich an wie richtige Menschen.

Radio Commander Sprueche und Sticheleien
Die Ausdrucksweise der Soldaten ist nichts für zartbesaitete Gemüter, aber durchaus realistisch.

Gameplay – Die Kunst des Funkens

Zur Steuerung unserer Einheiten nutzen wir eine handvoll Befehle, die wir über das  Funkgerät durchgeben. So können wir stets nach der Position, Status, aufgeklärten Feinden fragen oder den Kampfbericht anfordern. Wir können aber auch einen Angriff, Rückzug oder den Marsch zu den nach Koordinaten XY befehlen. Beim Letzteren haben wir dann noch viel Auswahl zwischen dem normalen Marsch, Laufen und “langsam aber vorsichtig”.

Auch das Be- und Entladen der “Slicks” (Transporthelikopter Bell UH1) geschieht nicht automatisch, sondern muss von uns befohlen werden. Dies gilt übrigens auch für die Evakuierung von Verwundeten. Als einzige Ausnahme gilt das Eintreffen in der Basis. Hier werden die Verwundeten schließlich automatisch entladen und ins Lazarett gebracht.

“Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen!”

Und gerade hier beginnt Radio Commanders, sagen wir mal “unkonventionelle Spielführung”. Denn abgesehen von Befehlen per Funk übermitteln und Marker auf der Karte verschieben können ist grafisch nicht viel los. Klingt langweilig? Mitnichten! Wir haben zwar die Möglichkeit, die Zeit schneller verstreichen zu lassen, aber keine Möglichkeit, das Spiel zu pausieren und in Ruhe nachzudenken. Wir wissen nicht, ob Alpha oder Bravo gerade in eine Falle von Charlie läuft. Nur wenn die Funkstille unterbrochen wird und uns von feindlichen Kräften berichtet wird, wissen wir, dass etwas passiert. Und dann heißt es handeln: Wie stark ist der Feind? Wo genau steckt er? Können wir mit dem anderen Platoon flankieren? Wie ist der Status unserer Einheiten? Haben wir Luft- oder Artillerieunterstützung?

Bei mir ist es schon öfter vorgekommen, dass ich meine Platoons vom Feind lösen musste und sie so vor dem Untergang rettete. Apropos Untergang: behaltet genau die Positionen eurer Einheiten im Auge. Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass ein von mir befohlener Napalmangriff Teile meines Bravo-Platoons auslöschte 😀 Die Kämpfe, auch wenn man sie nicht sieht, laufen simuliert dynamisch ab. Das bedeutet, dass sich die Einheiten dabei bewegen können und nicht statisch auf Punkt X bleiben und kämpfen. Wenn das also geschieht und unser Platoon im Angriff unglücklicherweise direkt in die von uns markierte Zone stürmt, können wir uns so auf viele Verluste einstellen.

Ein Blick aus dem Zelt bei Radio Commander
Ein Blick aus dem Zelt zeigt, dass unsere Artillerie bereit ist und auf unser Befehl wartet

Time of the season

Wie schon zuvor geschrieben, gibt es in Radio Commander keine Möglichkeit, die Zeit zu pausieren. Was bei hitzigen Schlachten in Battlefleet Gothic Armada 2 äußerst hilfreich ist, fällt nun weg. Einmal tief durchatmen und die Lage genau analysieren? Ist hier nicht möglich! Die einzige Möglichkeit, an der Uhr zu drehen, ist das Vorspulen.

Das ist zwar bei den Marschrouten schon von Vorteil, kann aber auch nach hinten losgehen. Immer wenn ein Ereignis geschieht oder unsere Einheiten beschossen werden, springt die Zeit wieder in die Echtzeit. Da ich aber in “Alarmbereitschaft” bin, habe ich öfters auf Reflex auf die Start/Stopp Taste des Timers gedrückt und dadurch innerhalb weniger Minuten heftige Verluste eingefahren. Deshalb: spielt lieber in Echtzeit. Das kostet zwar mehr Zeit, rechnet sich aber in brenzligen Situationen.

Mein Fazit zu Radio Commander

Wer sich als Hobbygeneral sieht und Lust auf etwas Neues hat, sollte so schnell  wie möglich nach Vietnam! Radio Commander besticht nicht nur durch seine einzigartige Spielmechanik, sondern auch durch die durchaus realistische Inszenierung. Die quälend langen Minuten, werden dann von Kontaktmeldungen durchbrochen, auf die wir schnell reagieren müssen. 

Allerdings solltet ihr euch für das Spiel ausreichend Zeit nehmen, da es keine “schnelle Nummer zwischendurch” ist. Ihr könnt natürlich auch die Zeit schneller verstreichen lassen, aber dadurch verliert man das einzigartige Feeling, das Radio Commander aufbaut.

Kategorien: Games

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