Champagne 1915. Seit etwa einem halben Jahr dauert der “Große Krieg” bereits an. Zu tausenden werden Mensch und Material in einem sinnlosen Grabenkrieg verheizt. Zahlreiche Sturmangriffe, Gegenangriffe und die Einsetzung neuester Kriegsgeräte wie Flammenwerfer oder Giftgas fordern noch mehr Menschenleben, sodass das Niemandsland alsbald mit Leichen übersät ist. Zwischen den toten Soldaten werden auf französischer Seite drei kaltblütig ermordete Frauen an der Front entdeckt. Alle mit einem Abschiedsbrief. Daraufhin wird Leutnant Roland Vialette vom Generalstab mit der Auflösung des ungewöhnlichen Falles betraut.

Ich habe die Graphic Novelle “Mutter Krieg” vor einiger Zeit von guten Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen (an dieser Stelle nochmals vielen Dank dafür!) und auch sofort gelesen. Seit den ersten Bildern hat mich die Atmosphäre eingenommen und die Geschichte gefesselt, sodass es mir schwer fiel, mit dem Lesen aufzuhören. Die Novelle stammt vom Autor Kris und Zeichner Maël aus dem Jahr 2014 und war zum Gedenken des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren gedacht.

Mutter Krieg – Mord im Grabenkrieg

Das erste der ungewöhnlichen Opfer, eine junge Bardame, hat einen Streit mit einem betrunkenen Soldaten, der ihr androht, sie zu ermorden – und tatsächlich findet man ihre Leiche wenig später an vorderster Front, zusammen mit einem Abschiedsbrief, der vom Mörder geschrieben wurde. Da man schnell einen Verdächtigen und ein passendes Motiv ausfindig machte, entschließt man sich zu keiner weiteren Untersuchung und erschießt den Beschuldigten. Allerdings hört damit das Morden nicht auf.

Cover des Comics "Mutter Krieg"

Das Cover

Und genau da kommt der Gendarme Vialette ins Spiel. Er muss an vorderster Front ermitteln und erlebt dabei den Wahnsinn des Grabenkampfes mit. Dort trifft er auch auf Unteroffizier Gaston Peyrac, einen Sozialisten und alten Bekannten aus seinem Heimatdorf, der einen Kontrast zum Katholiken und Patrioten Vialette bildet und in einem Strafregiment dient. Viel mehr möchte ich jetzt nicht zur Geschichte schreiben, nur noch soviel: Sie überdauert den gesamten Krieg.

Eine Szene aus dem Schützengraben

Peyrac erklärt Vialette, dass ein verwundeter Kamerad als Köder dient. Eine Taktik, die beide Seiten im Grabenkrieg nutzen

Die Rezension zu Mutter Krieg

Wie erwähnt, betrachtet der Leser die Geschichte durch die Erzählung Vialettes und erhält dadurch einen detaillierten Einblick in seine Gedanken. Besonders gelungen ist aber die Beschreibung des Krieges anhand einzelner Eindrücke oder Szenen. Es sind nüchterne Betrachtungen, wie zum Beispiel die Beschreibungen

  • des Geruchs (“…Gerüche so stickig und prägnant, dass man diesen üblen, süßlichen Gestank Jahre später noch in der Nase hat”, “Direkt danach kamen die Gerüche, von geräuchertem Acker. Von Pisse und Scheisse. Von Angst.”), oder
  • der Explosionen (“Plötzlich war es so, als ob ein schneller heißer Atem anschwoll, der uns alle mit einem Streich zu Boden warf wie betrunkene Dominosteine, die von einem brutalen Wind umgestoßen werden.”),
  • der Stille (“Diese Stille, die nur der Krieg hervorbringen kann. Undurchdringlich wie im Bauch einer Mutter im Grab. Dick wie millionenfaches Schweigen, das sich gegenseitig überlagert.”)
  • und nicht zuletzt des Krieges selbst (“Auf dem ganzen Rückweg erschien mir der Krieg in einem anderen Licht. Ich sah darin keine Poesie, kein Abenteuer mehr. Mir wurde nur die gewaltige Verschwendung klar”)

Auch die Resignation Vialettes gegenüber des Kriegswahnsinns wird deutlich (“Ich kämpfe aus Loyalität, Gewohnheit und aus Zwang… Ich kämpfe, weil ich nicht anders kann. […] Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es anders wird. Ich hoffe es noch, aber ich zähle nicht mehr drauf…”).

Die eigentliche Geschichte von „Mutter Krieg“ selbst, also der Mordfall, wird immer wieder ausgeklammert, bleibt aber stets präsent. Während der Ermittlungen wird der Hintergrund einiger Soldaten aus der Strafkompanie beleuchtet, die für den Militärdienst Haftentlassung erhielten. Dass sie noch nicht volljährig waren, hinderte die Armee nicht, im Gegenteil: Für das Wohl des Vaterlandes wurde ihr Alter spontan auf 21 gesetzt.

Französische Rekruten treffen auf einen deutschen Kriegsgefangenen

„Alle kaputt“ im Niemandsland

Story und Charaktere

Die Story von „Mutter Krieg“ an sich ist solide, wenn auch etwas skurril. Dass man einen (bzw. mehrere) Morde an Zivilisten in einem Kriegsgebiet aufklären will, scheint mir nämlich etwas unwahrscheinlich, eignet sich aber gut als Rahmen zum eigentlichen Akteur selbst: Dem Krieg. Schonungslos wird gezeigt, wie der “Krieg, der alle Kriege beendet” Mensch und Material gleichermaßen und gleichgültig verschleißt. Dass man einen Tag überlebt, bedeutet zugleich nichts und alles, da im Schützengraben die Zeit anders vergeht.

Die Charaktere sind ebenso überzeugend geschaffen und zeigen ihre beinahe schon zynische Resignation oder im Kontrast ihren überschwänglichen Patriotismus offen und auch hier ohne eine bestimmte Wertung vonseiten Kris.

Die Sprache ist soldatisch derb im Schützengraben, gepflegte Konversationen findet man nur bei den hohen Offizieren, die weit hinter der Front agieren, was dem ganzen eine gewisse Handlungstiefe gibt. Ebenso positiv ist die Einbindung des Unmuts bzw. die Kampfmüdigkeit der einfachen Soldaten, die sich schließlich in die Meuterei 1917 entlud , oder auch die Erwähnung des “Shellshocks”, sowie die drakonische Behandlung der Offiziere wegen ihrer vermeintlichen “Feigheit vor dem Feind”.

Die meuternden französischen Soldaten singen die "Internationale"

Meuternde Soldaten singen die „Internationale“

Gerade durch diese Szenen, oder auch die beiläufigen Kommentare der Charaktere erkennt man, dass „Mutter Krieg“ kein stumpfer “Kriegskrimi” ist, sondern einen historischen Tiefgang bietet, der mehr als nur die Mordserie aufzeigt.

Das Bild zeigt die Auswirkungen des "Shell shocks" (dt. "Kriegszitterer")

Nicht jeder, der von der Front zurückkehrt ist noch am Leben

Die Zeichnungen

Doch die die wirkliche Meisterleistung der Graphic Novelle liegt in den Zeichnungen Maëls. Der Stil selbst erinnert mit den weichen, runden Linien zwar an den franko-belgischen Comicstil, aber auch wieder nicht. Der Zeichner schafft es hier, allein durch die einzigartige Colorierung jedes einzelne Bild zu einem Kunstwerk zu machen. Zermürbte Soldaten, Explosionen, das Entsetzen bei Gasangriffen und traurige Ruinen zerschossener Gebäude werden in „Mutter Krieg“ eindrucksvoll in Szene gesetzt, ohne dabei pathetisch überladen zu wirken.

Einige Strips, besonders die außerhalb des Kampfes, wirken kontrastarm und etwas bleich, was allerdings nur dem Grauen zugute kommt. Besonders die Gesichter der Frontsoldaten besitzen dadurch keine Menschlichkeit mehr, sondern sind gezeichnet von Müdigkeit, Angst und Kälte; sie wirken eher wie Schatten ihrer früheren Existenz.

Der Einsatz von Kampfgas gegen die Entente

GAS!

“War is hell”

Dass allerdings Maël auch anders kann, sieht man in den Kampfszenen. In allen Nuancen des Höllenfeuers lässt er die Explosionen erblühen, zeichnet die eindringenden Projektile und die daraus entstehenden Wunden, sowie Menschen, die durch das Giftgas ihre Lungen ausspucken.

Ein Sturmangriff und Nahkampf zwischen deutschen und französischen Soldaten

Sturmangriff und Nahkampf, das alltägliche Grauen im Schützengraben

Interessant ist, dass die Novelle größtenteils ohne illustrierte Geräusche auskommt. Die schreienden Menschen, die Explosionen und die (Maschinen)gewehre bleiben weitgehend stumm, das heißt es gibt nicht die typische Lautmalerei (“PENG”, “BÄM”) wie bei Marvel oder DC. Nur der Dramatik geschuldet sind einzelne Szenen mit Pistolenschüssen lautmalerisch dargestellt, abgesehen von den Kirchenglocken, die den Anfang und das Ende einläuten.

Apropos Grauen: Gut in Szene gesetzt sind auch die Artworks zu den einzelnen Kapiteln, hier als Klagelieder bezeichnet,. Alle vier Artworks der Kapitel stellen eine Szene dar, die sich auf das berühmte Gemälde La Liberté guidant le peuple von Eugène Delacroix bezieht. Genau wie im Original führt eine bewaffnete Frau mit der drapeau tricolore in der Hand eine Abteilung Soldaten zum Sturmangriff. Allerdings erscheint die Liberté nicht menschlich, sondern untot. Das ist deutlich an dieser Szene im späteren Verlauf der Klagelieder zu sehen:. Zuerst versucht sie noch, ihren Männern beim Feindbeschuss Mut und Kraft zu geben, doch sterben sie alle und zuletzt liegt auch sie selbst mit einer zerschlissenen Fahne zwischen den schon skelettierten Gefallenen.

Eines der Artworks am Anfang der Kapitel

Eine fragwürdige Freiheit führt in den Kampf

Meine Meinung

Die Story ist nichts innovativ Neues, aber man kann sie gut lesen. Allerdings hätte man sie an der einen oder anderen Stelle vielleicht besser ausfeilen können, oder andere interessantere Wendungen einbauen können.

Aber, und da spielt die Novelle ihre große Stärke aus, jedes einzelne Bild zeigt sich mit einer so gewaltige Wucht, dass es sich alleine deswegen lohnt, die Novelle in die Hand zu nehmen. Besonders Lesern von Remarques Klassiker und Antikriegsroman “Im Westen nichts Neues” lege ich diesen Graphic Novelle ans Herz, denn das, was Remarque so eindringlich beschreibt, wird hier visualisiert.

Das Gesamtwerk besticht durch die schonungslose und pessimistisch gezeichnete Realität an der Front, sodass man sich zumindest ein Bild des Schreckens machen kann, den damals eine ganze Generation am eigenen Leib zu spüren bekam. “Mutter Krieg” ist somit Mahnung und Denkmal zugleich.

Kategorien: Comics

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