Das Mittelalter: Edle Damen, wackere Recken, finstre Burgen und viel Dreck und Leder! Zumindest denken das wohl die meisten, wenn man von einem Mittelalter-Rollenspiel/Simulation redet. Doch zum Glück ist dieser Mainstream-Gedanke den Machern des Spiels fern. Denn Kingdom Come: Deliverance bietet viel mehr!

„Oh ein Kickstarter? Das kann ja ewig dauern…“

Kingdom Come: Deliverance ist ein Rollenspiel/Simulation, das Anfang des Jahres published wurde und aus der Spieleschmiede Warhorse Studios stammt. Die Entwicklung des Spiels begann 2011 als Kickstarter und spätestens 2014 hörte ich das erste Mal vom Spiel selbst. Ähnlich wie bei Star Citizen habe ich dabei den Fortschritt immer mal wieder verfolgt, doch zumindest ist Kingdom Come: Deliverance veröffentlicht und nicht seit gefühlter Ewigkeit in Entwicklung!

Die Handlung

Das Spiel spielt im Jahre des Herrn 1403 in Böhmen. Kaiser Karl V ist tot und seine beiden Söhne Sigismund und Wenzel streiten um die Krone. Die (west)christliche Einheit ist zerstritten, denn neben dem Papst in Rom gibt es einen Gegenpapst in Avignon und gleichzeitig beginnt ein gewisser Jan Hus offen die Kirche zu kritisieren. Die Tatareneinfälle sind noch aktuell und allgemein kann man sagen, dass es unruhige Zeiten sind, in denen wir uns wiederfinden.

Jan Hus in Kingdom Come: Deliverance

In einem Gasthaus philosophiert Heinrich mit einem Geistlichen, u.a. auch über die Predigten von Jan Hus

Dabei schlüpfen wir in die Rolle von Heinrich aus Skalitz. Heinrich ist der Sohn eines Schmiedes, träumt aber davon, aus seinem Dorf herauszukommen und was zu erleben. Wir sehen ein bisschen was vom Dorfleben und helfen dem Vater bei der Herstellung eines Schwertes für unseren Lehnsherrn. Dann, wie kann es anders sein, kommt der Schicksalsschlag: Kumanen unter Sigismund überfallen das Dorf und veranstalten ein Massaker.

“Ist es jetzt ein Rollenspiel oder eine Sim?!”

Und genau DAS ist die Frage! Wir haben die sattsam bekannten Werte und Attribute eines Rollenspiels, die wir uns auf dem Charakterbogen anschauen können. Die vier Hauptattribute sind Stärke, Agilität, Vitalität und Redekunst. Und wie in jedem Rollenspiel verbessert das Leveln der verschiedenen Attribute auch bestimmte Eigenschaften. So kann man mit einem höheren Stärkewert mehr tragen oder kräftiger zuschlagen, und mit einem hohen Redekunst-Level ist es leichter, die NPCs zu überreden.

Daneben gibt es noch Fertigkeiten bzw. “Unterattribute” wie Kämpfen oder Trinkfestigkeit, die dann speziellere Fähigkeiten ausbilden. Ähnlich wie in Skyrim levelt man die Fähigkeiten beim Einsetzen. So kriegt man für jede gesammelte Blume beispielsweise Erfahrung im Kräutersammeln oder steigt mit jedem Taschendiebstahl eine Stufe höher in Richtung  Meisterdieb auf.

“Essen, Prügeln, Lernen, Wiederholen!”

Soweit das mit dem Rollenspiel. Was jetzt aber dazukommt sind weitere Faktoren wie Hunger oder der Zustand der Klamotten. Ja, richtig gelesen. Unseren Heinrich plagt ein leerer Bauch genauso wie eine oder mehrere Nachtschichten ohne ausreichend Erholung. Wir können hier nicht mehr ständig um die Dörfer ziehen, sondern müssen regelmäßig essen und schlafen. Übrigens ist es auch schön gemacht, dass zu fettige oder verdorbene Nahrung unserem Charakter nicht gut bekommt. Überfrisst man sich beispielsweise, so bewegt man sich viel langsamer und hat gleichzeitig weniger Energie. Deswegen als kleiner Tipp: Achtet auf Eure Plautze! 😀

Auch die Sattheit und der Zustand der Ausrüstung müssen beachtet werden!

Abgesehen von den rollenspieltypischen Werten muss man ständig auf die Sattheit und auf den Zustand der Ausrüstung achten!

Kleider machen Leute!

Auch die Sauberkeit und Kleidung von Heinrich hält sich nicht ewig. Wie im echten Leben nutzen sich die Kleidungsstücke immer weiter ab und müssen nach und nach repariert werden. Und auch hier gilt, dass man nicht einfach zu einem Schmied rennt, der dann alles repariert. Nein, hat man Löcher in den Schuhen: ab zum Schuster. Ist das Wams zerrissen? Dann ist der Schneider dein Ansprechpartner. Auch ganz wichtig ist Heinrichs Hygiene. Zwar stehen überall Wasserzuber herum, die für eine Katzenwäsche langen, aber richtig sauber wird er nur im Badehaus. Da werden dann auch seine verdreckten Klamotten gewaschen. Und je sauberer und edler ihr ausseht, desto höher steigt das Charisma.

Das gilt im übrigen auch umgekehrt: Um besonders bedrohlich auszusehen, sollte man sich weder den Schmutz noch das Blut abwaschen. Dadurch kann man in Gesprächen die NPCs besser bedrohen oder zur Kooperation zwingen. Denn wer will sich schon mit einer stinkenden und blutverschmierten Gestalt anlegen?

Ihc knan dsa lsene!

Genauso realistisch ist es um Heinrichs Lesekenntnisse bestellt. Er, als einfacher Schmied, kann das nämlich nicht. Geht man anfangs an Inschriften, Büchern oder “Graffitis” entlang, kommen uns nur wirre Buchstabensuppen entgegen. Erst nach dem Besuch eines Schreibers erkennen wir langsam einen Sinn in diesen wirren Zeichen. Und gerade das finde ich sehr schön gemacht: Anfangs ist es ein echtes Raten und Erahnen, welche Wörter man nun liest. Erst wenn Heinrich routinierter ist, können wir auch fehlerfrei die Texte lesen. Mein Tipp: skillt das Lesen schon so früh wie möglich!

Ein Mord und das Lesen in Kingdom Come: Deliverance

Heinrich beim Aufklären eines Mordes. Wenn man das Lesen ausreichend geskillt hat, kann er das mit Blut geschriebene Wort entziffern.

“Das ist nur eine Fleischwunde!”

Auch das Kämpfen selbst erweist sich als komplexer und schwieriger als in anderen Spielen. Während dort Horden von Gegnern für einen (geübten) Spieler meist kein Problem darstellen und man über ihre dicken Rüstungen lacht, ist es in Kingdom Come: Deliverance anders. Selbst der noch so zerlauseste Strauchdieb kann euch niederstrecken. Außerdem solltet ihr darauf achten, welchen Waffentyp ihr an welchem Gegner einsetzt. Gegner in schweren Rüstungen sind besser mit Wuchtwaffen (Keulen) zu verletzen, bei Banditen in normaler Kleidung sind Schnittverletzungen effektiver.

Daher als Tipp: Rüstet euch mit dem Morgenstern aus, der sowohl Stich-, Schnitt- als auch Wuchtverletzungen zufügt.

Im Kampf kann verschiedene Trefferzonen anvisieren, die man dann dank eines “Kompasses” auswählen kann. Man merkt, dass sich die Entwickler hier nicht nur Mühe gemacht haben, sondern es durchaus realistischer als die übrigen Vertreter angingen. Also wenn jemand lieber schon nach einigen Stunden der Über-Krieger sein will: Spielt was anderes 😀

Auch Fernkampfwaffen sind mit dem Bogen vertreten. Hier gibt es eine Reihe von verschiedenen Bögen, die verschiedene Werte besitzen. Auch dank der unterschiedlichen Pfeilspitzen kann man stets die passende Munition auswählen. Ich las, dass die Entwickler absichtlich keine Armbrust integrierten, weil sie zu mächtig gewesen wäre. Das stimmt zwar, finde ich persönlich jedoch schade. Denn man hätte ihre Schadenswirkung durch das langsame und kräftezehrende Spannen nerfen können.

Apropos Kraft: Für das Bogenspannen und gespannt halten wird Ausdauer abgezogen. Langes Zielen ist daher nicht möglich. Wobei das Zielen generell recht schwierig ist, da man keinerlei Fadenkreuz hat und demnach mit Bauchgefühl und Erfahrung hantieren muss.

Kingdom Come: Deliverance: Die Schwächen

So toll das Spiel auch ist hat es natürlich weniger starke Momente. Wie ich hörte und las, sollte das Spiel kurz nach Veröffentlichung beinahe unspielbar gewesen sein. Nicht nur Grafikfehler, sondern auch harte Bugs störten den Spielfluss und -genuss. Deswegen schob Warhorse Patches nach. Und auch noch jetzt, September 2018, sind Defizite zu erkennen. Vor allem bei der Textur, die manchmal nachträglich und langsam lädt. So passiert es hin und wieder, dass im schlimmsten Fall ganze Gesichter erst nach und nach auftauchen.

Auch ist die Grafik des Spiels zwar gut, aber nicht mit Assassins Creed oder The Witcher zu vergleichen. Da merkt man schon, dass Warhorse  ein kleines Studio ist. Zwar sind die Fehler (noch) vorhanden, sie haben aber meinen Spielspaß bisher nicht allzu sehr getrübt. Vielleicht kriegen sie ja bald auch alle Bugs gepatcht.

Die Rekonstruktion in Kingdom Comes: Deliverance

Trotz der Mängel macht die Rekonstruktion der Welt einen sehr schönen Eindruck. Auch im Regen!

Kingdom Come: Deliverance – Das Fazit

Alles in allem hat mich das Spiel überzeugt. Die Atmosphäre ist sehr schön eingefangen, die Klamotten, Bauwerke und auch Waffen passen ohne großartige Schnitzer zur Epoche. Die Charaktere und auch Quests sind schön gestaltet und vor allem die Details erzeugen Tiefgang. So müssen wir beispielsweise, wie für einem Bauern üblich, als Jagdbegleitung für einen Adeligen zu Fuß nebenher laufen. Oder die Szene, als ein fahrender Ritter mich um ein Duell bat. Auf Heinrichs verwunderte Frage, wieso wir uns darauf einlassen sollten, antwortete der Ritter ebenso überrascht, dass es für die Ehre sei, weshalb denn sonst?! 😀

Es sind diese Momente und auch das Gefühl des Triumphes nach jedem Kampf, die das Spiel so spielenswert machen. Stets will man noch “ein bisschen mehr”, oder “nur noch ganz kurz” etwas erledigen und spielt dann bis in die tiefste Nacht hinein.

Also, um es kurz zu machen: Jeder, der Mittelalter spielen will, sollte sich Kingdom Come: Deliverance zumindest mal anschauen; am Besten noch anspielen. Wenn man gelangweilt von dem typischen Rollenspiel-Setting ist und auch keine Superhelden spielen mag, langt zu! Das Spiel lohnt sich echt!


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