Wenn du monatlich einen Menschen töten müsstest, könntest du das machen? Und wen würdest du dir als Opfer aussuchen? So abwegig die Fragen auch klingen mögen, für Dylan wird sie zur monatlichen Aufgabe. Dylan ist ein 28-jähriger Student und manisch depressiv. Nach einem missglückten Selbstmordversuch aus Liebeskummer besucht ihn eine dämonische Gestalt, die von ihm für das weitere Verweilen auf der Erde eine “monatliche Miete” verlangt. Ein Leben für einen weiteren Monat., gemäß dem Motto: Kill or be killed!

“The writer, the artist and the colorist”

Ich bin auf den Comic vor einiger Zeit im Internet aufmerksam geworden, als ich diverse Seiten und Foren nach Neuerscheinungen durchstöberte und dabei mehrmals den Titel las. Neugierig schaute ich schließlich in einem Onlineshop nach, las den Klappentext und die Probe-Strips und war, ehe ich es versah, gefangen von dem Konzept. Ein Grund, warum ich mich außerdem so schnell entschied, den Comic durchzustöbern, war die Tatsache, dass Ed Brubaker für die Story und Sean Phillips als Zeichner zusammenarbeiten.

Brubakers Werke kennt man u.a. von einigen Batman-Series und er war auch derjenige, der den “Winter Soldier” von Marvel wiederaufleben ließ. Und die vielen gewonnenen Eisner Awards (das ist der Oscar der Comicbuchwelt) als bester Schriftsteller sprechen Bände. Sean Phillips ist auch kein unbeschriebenes Blatt. Man kennt ihn u.a. von dem Sonderband der “Marvel Zombies” und “Hellblazer”. Die Dritte im Bunde ist Elizabeth Breitweiser, die die Colorierung übernimmt. Das Trio arbeitete bereits für die Graphic Novelle “The Fade Out” zusammen.

Das erste Heft von “Kill or be killed” wurde im August 2016 veröffentlicht und bislang sind insgesamt 16 Ausgaben erschienen. Eine Gesamtausgabe gibt es bisher nicht, aber Amazon und der Splitterverlag bieten drei Sammelbände an, die die herausgekommenen Hefte bündeln. Da es noch eine fortlaufende Story ist, schreibe ich nur ein Zwischenfazit und hoffe, dass ihr es mir nicht übel nehmt. Falls nicht, biete ich auch Steine und Bärte aller Art für meine Steinigung an 😀

Das Bild zeigt das Cover von Kill or be killed

Das Cover

Die Handlung

Kill or be killed beginnt mit einem Kommentar von Dylan über die aktuelle Lage der Welt; der Comic selbst spielt jedoch (bislang) in und um New York. Sie, die Welt, ist abgefuckt, verrückt und dabei, vor die Hunde zu gehen. Doch das Wichtigste ist für Dylan: Es gibt keine Gerechtigkeit. Die nackte Realität ist die, dass das große Übel ständig weitergeht und jeder von uns Normalsterblichen diese Tatsache absichtlich verdrängt. Er macht hier aber niemandem einen Vorwurf, sondern äußert sogar Verständnis dazu, da er selbst bis vor kurzem so war. Begleitet werden diese philosophischen Zeilen von einem Blutbad in einem Hotelgang, bei dem es zu einem Schusswechsel zwischen bewaffneten Männern und einem Maskierten kommt.

Währenddessen erfährt man allerdings nicht den Ausgang, sondern schwenkt zurück zum eigentlichen Anfang der Story. Dylan ist nicht der selbstbewusste Killer, sondern eher ein zurückgezogener, leiser Typ. Das Glück in seinem Leben spielte bisher nicht so mit, er ging Konfrontationen lieber aus dem Weg und hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, weswegen er sein Studium noch nicht abschloss. Um dem Ganzen natürlich noch die Krone aufzusetzen, ist sein Zimmergenosse Mason mit seiner besten Freundin Kira zusammen, weshalb er sich selbst noch isolierter fühlt.

An einem Winterabend ist ihm aber schließlich alles zuviel. Dylan steigt auf ein Dach und will sich hinabstürzen, doch er stirbt nicht. In seinem Zimmer erhält er Besuch der dämonischen Art und die dunkle Gestalt erklärt ihm, dass Dylan ihm nun monatlich ein Leben schuldet, als “Miete” für sein Leben. Anfangs glaubt er nicht daran, doch als der Monat zu Ende geht und er immer kränker wird, fasst er einen Entschluss. Da er noch immer gewisse Moralvorstellungen hat, nimmt er jene aufs Korn, die es seiner Ansicht nach auch verdienten: Menschenhändler, korrupte Politiker, Lobbyisten, Gangster, kurz gesagt: den Abschaum unserer Gesellschaft. Wie man sich denken kann, bleiben die Taten auch nicht unbemerkt und sowohl die russische Mafia, wie auch eine Taskforce der NYPD versuchen den mysteriösen Maskenträger zur Strecke zu bringen.

Der Dämon verlangt von Dylan sein montaliches Opfer

Ein Leben für ein Leben

Großstadt-Western mit übernatürlicher Note

Wenn man den Stil der Geschichte kurz zusammenfassen sollte, wäre es so: Stellt euch vor, dass “Supernatural” auf “den blutigen Pfad Gottes” trifft und von Quentin Tarantino (der Brutalität und Blutvergießens wegen) verfilmt würde. Das Grundgerüst von Kill or be killed ist nichts neues: Der Protagonist verübt Selbstjustiz der Gerechtigkeit wegen. Das hatten wir alle schonmal in zu vielen Varianten, ich erinnere hierbei nur an das prominenteste Beispiel, “der Punisher”. Aber, und damit hebt sich die Geschichte deutlich von den anderen Großstadt-Western ab, hier ist die eigentliche Motivation zum Morden anders. Er, Dylan, muss töten, um seine Lebenszeit zu verlängern. Dieses mystische Element gibt dem Ganzen noch eine eigene, ganz spezielle Note, die es so bislang noch nicht gegeben hat. Bisweilen waren es die “klassischen” Motive, wie Rache wegen eines Verbrechen, selbst Gewaltopfer oder auch nur der gesteigerte Drang auf Gerechtigkeit, die der Grund für den Revolver in der Hand war. Hier ist es wirklich der Drang zu Überleben und weniger der Antrieb etwas Gutes für die Menschheit zu tun. Seine Wahl der Opfer ist mehr ein Mittel zum Zweck, denn wenn schon Leute dran glauben müssen, dann wenigstens welche, die es auch verdient haben. Ob sich das alles aber auch wirklich abspielt… selbst Dylan zweifelt an einigen Stellen an dem Dämon, da er wegen seiner psychischen Erkrankung auch Medikamente nehmen muss.

Dylan verlässt den Tatort

In diesem Fall sind keine „handvoll Dollar“ im Spiel

Vom Niemand zum Profikiller

Anfangs noch ein wenig ungeschickt, entwickelt Dylan eine gewisse Routine und Professionalität darin, das nächste Opfer auszusuchen. Außerdem scheint er nicht mehr das “Würstchen” zu sein wie am Anfang; er wächst über sich hinaus und entwickelt ein gesundes (-mörderisches) Selbstvertrauen.

Der zweite Mord von Kill or be killed

Ein zwiellichter Typ in einer dunklen, leeren Gasse. Ein geeignetes Ziel.

Andere Charakter, die einen tieferen Einblick gewähren, gibt es, abgesehen von Kira nicht wirklich. Allerdings sieht man einige Strips lang immer wieder die Ermittlungsarbeiten der Task Force, die von Detective Lily Sharpe geleitet werden. Sharpe selbst taucht allerdings eher selten auf und wird hoffentlich noch im weiteren Verlauf eine stärkere Rolle einnehmen.

Die Zeichnungen

Die Zeichnungen an sich sind gut gelungen, aber stechen nicht als was besonderes heraus. Man erkennt deutlich die anglo-amerikanische Tradition, die Philips weiterführt. Eine Besonderheit sieht man vor allem in Szenen, die eine größere Fläche abbilden. Bewusst werden die Konturen und Details weggelassen, um das Leserauge indirekt auf das wesentliche der Szenen zu führen. Diesen Fokus arbeitet Philips allerdings dann wieder schön heraus. Achtet man allerdings dann genauer drauf, erkennt man diese Finte. Das soll jedoch nicht als Vorwurf aufgefasst werden, im Gegenteil: Durch das Weglassen (meiner Meinung nach überflüssiger) Konturen wird das Auge nicht mit Reizen oder Signalen überflutet und man kann sich auf die eigentliche Handlung konzentrieren. Das macht in Szenen wie in “Kill or be killed” durchaus Sinn, da das meiste in sehr kurzer Distanz und mit wenigen Charakteren wirklich stattfindet und (bislang) weite Räume wie die Straßen New Yorks nur als Kulisse dienten. Allerdings bleibt die Darstellung der Gesichter eine Schwäche der Serie. Oft wirken sie irgendwie unecht, besonders das von Dylan erscheint mir an einigen Stellen zu kindisch. Ob das so gewollt, ist um ihn weicher darzustellen, ist durchaus plausibel, aber meiner Meinung nach scheint er dabei eher wie 18 statt 28 auszusehen. Ebenso unschön sind manche der Gesichtszüge, die aussehen, als ob man Fotos im falschen Moment schoss. So erscheint ein Grinsen beispielsweise mehr wie ein Zähnefletschen, oder Niedergeschlagenheit zieht wortwörtlich ein langes Gesicht mit sich. Ich möchte hier nicht schreiben, dass die Zeichnungen hässlich sind (das sind sie nämlich nicht!). Die Szenen wirken und man kann sich in ihrem Bann wiederfinden.

Lily Sharpe bei Ermittlungsarbeit im Wald

Crime Scene – Do not enter!

“These colours don’t run”

Bleiben wir noch bei den Zeichnungen, und kommen auf die Colorierung zu sprechen. Da hier ein Trio am Werk ist, sollte man dies auch getrennt voneinander betrachten. Und das, was Breitweiser hier vorweist ist, überragend. Sie versteht es genau die Töne für Nachtszenen zu verwenden, um die Dunkelheit perfekt einzufangen und wiederzugeben. Egal, ob dunkle Seitenstraßen im Regen oder der schillernde Times Square im Schnee: Sie findet die perfekt dazu passenden Farben und es kommt einem beinahe so vor, als ob man selbst den Schnee riecht, die Großstadt hört und seinen dampfenden Atem aufsteigen seht.

Eine Nachtszene des Comics

New York in der Nacht

Kill or be killed – Wahnsinn oder Übernatürliches?

Allen in allem ist der Comic sehr gut und nimmt den Leser spätestens nach dem zweiten Band in seinen Bann. Dylan wirkt nicht von Pathos überladen, oder jagt einer verklärten Ansicht von Gerechtigkeit hinterher, sondern ist im Grunde Opfer seiner Umwelt und seiner Handlungen, mit denen er nun klarkommen muss. Der Spagat zwischen mystisch/übernatürlich und natürlich ist sehr gut gelungen; der Dämon ist nicht allgegenwärtig, aber von stetiger Präsenz. Die Zeichnungen (und besonders die Colorierung) sind schön gelungen, straucheln aber leider an einigen Stellen, was die Lesefreude aber nicht senkt. Die größte Stärke liegt aber auch darin, dass Brubaker der Gesellschaft den Spiegel vor das Gesicht hält und zeigt, wie falsch einiges läuft. Es ist nicht nur eine Gesellschaftskritik, sondern auch der Umgang mit meist emotional geladener Wut, die jeder von uns hat oder kennt. Die Wut gepaart mit Ohnmacht, wenn man sieht, dass schlechte Menschen ungeschoren davonkommen und man nichts dagegen machen kann.

“Kill or be killed” bietet zwar keine Lösung, aber schafft nebenbei doch ein gewisses Gefühl der Befriedigung, wenn beispielsweise ein Kinderschänder oder Tierquäler eine Ladung Schrot frisst. Wie tief jedoch die Botschaft wirklich geht, erfährt man, wenn man sämtliche Ebenen weglässt und sich selbst fragt, wen man an Dylans Stelle töten würde. Würde man sich auch aus der Not heraus zum Rächer machen, oder wäre es einem egal und sucht sich wirklich Schwache als Opfer?

Jedem, der wieder auf der Suche nach einer guten und actiongeladenen Story ist, kann ich diese Serie nur wärmstens empfehlen. Ich habe Blut geleckt und bin gespannt, wohin die Reise führt.

Ein fliehender, angeschossener Kleinbus in einer verlassenen Gasse in New York

Die Reise hat erst begonnen!

Als kleiner Nachtrag: Laut Wikipedia wurde im Dezember 2017 eine Verfilmung von “Kill or be killed” angekündigt. Chad Stahelski (John Wick I-III) soll das Drehbuch und die Regie übernehmen. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht zu einem hirnlosen Massenschießen ausartet (ich schaue auf dich, John Wick!).

Kategorien: Comics

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