Stell dir vor, dass die Welt, wie du sie kennst, nicht mehr ist. Die Berge, Wälder und Felder sind mit Schnee und Eis überzogen. Temperaturen weit unter Null sind mittlerweile der Standard und es kommt das Gerücht auf, dass ein weiterer, noch schlimmerer Blizzard kurz bevorsteht. Frierend gehst du an den Baracken und der Sanitätsstation vorbei, grüßt die Wachen und begibst dich auf den Weg zu deiner Arbeit. Mit jedem Schritt entfernst du dich von dem großen und wärme spendenden Kohlegenerator, während riesige Roboter mit ihren spinnenartigen Beinen über dich hinwegstelzen. Ein weiterer Tag in Frostpunk!

Frostpunk: Das Spiel

Das Spiel Frostpunk aus der Spieleschmiede 11 Bit Studios (bekannt u.a. für “This war of mine”) kam am 24.04.2018 heraus. Bei Steam gibt es das Spiel für 29,99€. Die Geschichte des Spiels ist eigentlich ähnlich wie in “The day after tomorrow”, nur spielt es kurz nachdem eine neue Eiszeit beginnt. Und, was mich natürlich am meisten freut, mit viel Steampunk 😀 Der Spieler hat dabei die Kontrolle über eine Gruppe von Flüchtlingen in der Arktis, die sich um einen riesigen Kohlegenerator scharen. Dieser und andere wurden schon vor längerer Zeit von den Regierungen im hohen Norden gebaut, um als Zufluchtsstätte zu dienen. Als Argument diente dabei der große Kohlevorrat der Arktis. Was man von der Rahmenhandlung halten will, überlasse ich jedem selbst. Dennoch macht das Spiel Spaß!

Kein SimCity: Steampunk

Das Spiel selbst ist eine Mischung aus Survival und Aufbaustrategie. Doch anstatt von “Langzeit-Spielsessions” gibt es nur ein paar Szenarien, die nacheinander freigeschaltet werden müssen. Dabei gilt es meist Tag 20 im vorherigen Szenario zu überstehen. Die Szenarien unterscheiden sich von der “Mission” und der Umgebung des Kraters deutlich. Während man beispielsweise einfach nur den Sturm überleben muss, ist der Spieler in einem anderen Szenario dazu verpflichtet die Saatgut-Archen vor Kälte zu schützen. Zwar ist damit für Abwechslung gesorgt, aber im Grunde auch wieder nicht.

Unser Generator befindet sich in einem Krater. An der Oberfläche findet man für den Anfang ausreichend Schrott und im Boden schlummern noch weitere Ressourcen. Das wichtigste Langzeitziel ist es, dass die Siedlung überlebt. Dafür sammeln wir Rohstoffe wie Kohle, Holz, Eisen, Dampfkerne und Nahrung ein. Die Dampfkerne benötigen wir für Spezialgebäude oder Roboter, die den Alltag im Krater erleichtern.

Ein ganz normaler Tag im Eis

Frostpunk  läuft in “Echtzeit” ab und jeder (Arbeits-)Tag ist in Tag- und Nachtzeiten eingeteilt. Sehr eindrucksvoll sind da vor allem die immer länger werdenden Schatten gestaltet, die langsam bald den ganzen Krater ausfüllen. Bei aufkommender Dunkelheit werden dann die Beleuchtungen in der Siedlung angezündet. Doch nicht nur der Darstellung wegen gibt es die Einteilung in die Tages- und Nachtzeiten, auch für die Spielmechanik ist sie bedeutend. So arbeiten die Menschen nur während des Tages, wenn man ihnen keine Sonderschichten abverlangt. Eine Ausnahme bilden hier die Jäger und der Bau von neuen Gebäuden. Aber gerade letzteres wird nur in den frühen Abendstunden gebaut, sofern man am Tag keine Arbeiter abstellt.

Auch bei Nacht sieht Frostpunk umwerfend aus

Während ein paar noch die Kohlemine schnell aufbauen, entspannt der Rest nach einem harten Arbeitstag in der Kampfarena oder dem Wirtshaus

Ingenieure, Arbeiter und Kinder

Außerdem unterscheidet Frostpunk zwei verschiedene Arbeiterklassen: Ingenieure und Arbeiter. Für die meisten Gebäude kann man beide Klassen einteilen. Aber vor allem die Bereiche wie das Gesundheitswesen, die Forschung oder die Fabrik  sind nur mit Ingenieuren zu besetzen. Dafür können als Jäger nur Arbeiter dienen. Eine weitere Arbeitskraft können Kinder sein, die man entweder per Gesetz für leichte Arbeiten einsetzen kann, oder zuerst in Kinderheime steckt und sie später als Unterstützung im Gesundheitswesen oder in der Forschung einsetzt. Beides hat seine Vor- und Nachteile und man sollte sie gut abwägen.

Die Automatone – Das mechanische Arbeitstier

Als Unterstützung kann man sogenannte Automatone bauen, wenn man die Fabrik erforscht. Diese Automatone sind dampfbetriebene große Roboter mit spinnenartigen Beinen. Für den Bau eines Automatons benötigt man zwar viel Holz, Eisen und einen Dampfkern, dafür ersetzt aber ein Automaton eine ganze Mannschaft. Außerdem arbeiten sie rund um die Uhr und sind kälteresistent. Das eignet sich besonders gut für Gebäude, die weiter außerhalb der Siedlung stehen. Aber auch die Auotmatone haben einen endlichen Tank, der zweimal pro Tag aufgeladen wird. Dafür gehen sie von ihrem Arbeitsplatz zum nächsten Dampfzentrum und verharren eine kurze Zeit. Während dieser Zeit bleiben die Arbeitsplätze untätig.

Man kann nie genug Roboter haben!

Die Automatone gewinnen vielleicht keinen Schönheitspreis, aber dafür die Auszeichnung des Arbeiters des Monats!

Was cool ist: Im Verlauf der Spiels kann man die Automatone durch Quests und Forschung verbessern. So können sie beispielsweise auch in Sanitätsstationen arbeiten, sind um X% effizienter und kosten in der Produktion weniger. Wie man sieht, lohnt es sich durchaus, ein paar dieser Dampfroboter zu bauen!

Die Gesellschaft – Ein weiterer glorreicher Tag in der Arktis!

Soviel zum Aufbauspiel, aber ich schrieb, dass es auch einen ordentlichen Teil Survival eingebaut hat. Was hat es damit auf sich? Der größte Feind ist die Kälte. Zu Beginn des Spiels sind es noch “kuschelige” -20 C°, im Laufe des Spiels wird es noch deutlich kälter. Mit den fallenden Temperaturen treten dann auch Kranke und Schwerkranke auf, die die Effizienz ihrer Arbeitsstellen verringern, zu Pflegefälle werden und/oder sterben. Um einen besseren Überblick über die Temperatur zu haben, gibt es eine Wärmeansicht, die zeigt wie warm oder kalt Teile eurer Siedlung ist.

Achtet daran, dass die Behausungen nie zu kalt sind!

Praktisch: Bei Frostpunk zeigt die Wärmekarte die aktuellen Temperaturen eurer Siedlung an. Achtet darauf, dass es in den Behausungen nie zu kalt ist!

Wie gut oder schlecht ihr u.a. die Temperatur bewältigt, schlägt sich schließlich in der Hoffnung und Unzufriedenheit nieder. Beides sollte auf ein Extrem gehalten werden: Die Hoffnung auf extrem hoch, die Unzufriedenheit auf extrem niedrig. Das ist nicht immer leicht, doch lässt sich ein recht großer Einfluss durch Gesetze nehmen. Verordnet man beispielsweise Notfallschichten, steigt die Unzufriedenheit. Gibt man dafür aber beispielsweise Schnaps aus oder baut eine Kampfarena, haben die Leute ein Ventil und sehen, dass wir als Anführer doch nicht so tyrannisch sind wie angenommen. Was für Wunder erlaubte Schlägereien und Alkohol bringen können 😀

Haltet eure Bürger bei Laune, dann sinkt nicht die Hoffnung!

Hier ist die Hoffnung bereits gefährlich tief gesunken. Noch ein paar gebrochene Versprechen und wir finden uns in der Schneewüste wieder!

Unser Anführer ist *zensiert*!

Apropos Gesetze: Im Verlauf des Spiels kommt man zu dem Punkt, wenn man sich zwischen zwei weiteren Zweigen entscheiden muss: Disziplin und Ordnung oder Glaube. Je nachdem, welches der beiden Zweige man auswählt, verwandelt sich die Siedlung immer mehr in eine Diktatur bzw. Theokratie. Beim finalen Gesetz beider Wege kann man schließlich vermeintliche Verräter bzw. Ketzer hinrichten lassen, um die Unzufriedenheit zu senken. Oder um es mit den Worten von Frostpunk zu sagen: ”Manche werden gegen das Gesetz kämpfen. Manche von ihnen werden sterben.”

Die Leichenentsorgung ist zwar nicht pietätvoll, dafür kann man den Verstorbenen wichtige Organe entnehmen.

Friedhof oder Leichenentsorgung: Nur eine der vielen Entscheidungen in Frostpunk!

Frostpunk – Mein Fazit

Es ist kein reines Aufbau- oder Echtzeitstrategiespiel wie StarCraft oder Tropico. Man hat außer dem Wetter und inneren Unruhen keine Feinde und ist auch viel zu sehr damit beschäftigt, die kleine Schar bei der Stange zu halten. Es macht Spaß, die Stadt am Leben zu halten und öfters musste ich schonmal frühere Spielstände laden, weil eine Entscheidung fatale Folgen hat 😀

Die Atmosphäre ist durchweg sehr gut eingefangen. Wirkliche “Lichtblicke” gibt es nicht, der Spieler muss sich stets für das kleinste Übel entscheiden und das Überleben der Gemeinschaft im Auge haben. Auch, dass man es im Steampunkbereich einbettet, finde ich richtig cool. Das gibt dem Ganzen nochmals eine Würze. Negativ dafür ist aber die fehlende Langzeitmotivation und die recht kurzen Szenarien.

Ein Spiel und Sozialstudie

Was man jedoch nicht außer Acht lassen sollte: Frostpunk ist gleichzeitig auch eine Art Sozialstudie, die meiner Meinung nach gut veranschaulicht, wie sich eine Gruppe von Menschen in Extremsituationen verhalten kann. Ich erinnere mich dabei an Spock in  Star Trek II, der sagte, dass das Wohl Vieler schwerer wiegt wie das eines Einzelnen. Und auch solche Entscheidungen müssen getroffen werden. Müssen Kinder zum Wohle der Gemeinschaft Kohle schleppen? Ist Zensur wegen der Extremsituation förderlich oder schon der Weg in die Diktatur? Daher bietet Frostpunk viel mehr Tiefgang als andere Spiele, die sich lediglich um das Management einer Stadt oder das Befehligen einer Armee drehen. Auch wenn die Flüchtlinge eher anonym bleiben, so ist jeder Einzelne ein wichtiger Zahnrad im alltäglichen Kampf ums Überleben.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: