Zwei spätmittelalterliche Armeen treffen im Feld bei Crécy aufeinander. Die eine ist zahlenmäßig unterlegen und bereits seit beinahe sechs Wochen im Feindesland. Ein Ausweichen ist nicht möglich, da der mächtige Gegner den einzigen Rückzug abschneidet. So bleibt der Kampf der einzige Ausweg, ein Ausweg der nicht gewiss ist.

Der Schreiber und der Künstler

Erst letzte Woche stieß ich auf Warren Ellis’ Geschichte über eine der bekanntesten Schlachten des Mittelalters und war natürlich sofort interessiert, was ich da vor mir habe. Zum einen wegen meiner Passion für Comics und natürlich auch, weil ich als Archäologiestudent ja vergangene Epochen spannend finde. Im Grunde also eine doppelte Motivation, „Crécy“ zu lesen, auch wenn sich meine geisteswissenschaftliche Seite bereits Horrorvisionen à la halbnackte Hopliten in Leder-Lendenschürzen vorstellte (ja sorry, ich darf das kritisieren! :D).

Das Cover des Comics Crécy ziegt das Victory-Zeichen; im Hintergrund die englischen Flagge

Das Cover

Anno domini 2007

Crécy erschien 2007 und hat somit schon einige Jahre auf dem Buckel, aber getreu dem Motto “je staubiger, desto interessanter” (Prä-Historiker! :D) nahm ich mir also den Comic zur Brust. Der Autor Warren Ellis selbst war mir nicht so bekannt, aber mein Freund Wikipedia öffnete mir die Augen und ich sah, dass er neben Comicgeschichte wie “Gun Machine” auch bei Film- und Fernsehproduktionen (hauptsächlich Cartoons wie die Marvel Animes) und sogar bei dem Horrorspiel “Dead Space” mitwirkte. Der Zeichner Raúlo Cáceres (u.a. “Crossed: Badlands” und “Psychopath”) ist mir aber unbekannt.

Die Geschichte selbst handelt nur über die Schlacht und ist mit ihren 48 Seiten relativ kurz. Auf Amazon kann man die englische Version kaufen, eine deutsche Ausgabe habe ich bislang aber nicht gefunden.

Crécy? Ist das eine Art Gebäck?

Das Aufeinandertreffen der französischen und englischen Streitmächte am 26. August 1346 bei der Ortschaft Crécy-en-Ponthieu ist, wie erwähnt, keinesfalls eine Schlacht unter vielen, denn hier entschied sich die Kriegsführung der Feldschlachten Europas für die nächsten Jahrhunderte. Durch die desaströse Niederlage der französischen Armee, die nicht nur den Hauptteil ihres Adels verlor, sondern auch den Untergang des traditionellen mittelalterlichen (westeuropäischen) Heeres besiegelte. Es siegten einfache, bäuerliche Langbogenschützen über den schwer gepanzerten und berittenen Adel, was nicht nur in Frankreich wie ein harter Schlag ins Gesicht wirkte.

Die historische Darstellung der Schlacht bei Crécy von Jean Froissant, 1405

So oder so ähnlich kann man sich die zeitgenössischen Rüstungen und Kleidungsstücke vorstellen (Die Schlacht bei Crécy, Buchmalerie aus Chroniques, Jean Froissant, 1405). Quelle: Wikipedia

Die Handlung

Mitten in einem französischen Wald treffen wir auf William of Stonham, der als Protagonist dem Erzähler eine Einführung zur politischen Lage gibt. Wir erfahren, dass er selbst Langbogenschütze im Dienste von Edward III ist und sich gerade auf einem Feldzug befindet. Gleichzeitig erzählt William auch den Grund für den hundertjährigen Krieg: England braucht Land und kommt den Franzosen mit dem Feldzug, als Erstschlag sozusagen, zuvor. Weiterhin gibt er einen kurzen Verlauf des Feldzuges wieder und erzählt etwas über den Langbogen wie auch die zeitgenössische Kriegsführung. Da der Comic “Crécy” heißt, ist die Schlacht auch Dreh- und Angelpunkt und endet kurz nach deren Ende. Es ist keine fortlaufende Serie und ist im Grunde auch kein typischer Comic, sondern will sich eher als eine Art historischer Augenzeugenbericht verstehen.

Die Zeichnungen

Die Zeichnungen sind schlicht in schwarz-weiß gehalten und durchaus gut gelungen. Cáceres arbeitet schön und kontrastreich die Figuren und ihre Schattierungen aus, und in den Gesichtern spiegeln sich alle Gemütszustände perfekt wieder. An manchen Stellen sind die Schattierungen und Kontraste so hart, dass sie teilweise an japanische Animes bzw. Mangas erinnern. Die Nachtszenen unterscheiden sich durch die häufige Benutzung von schwarz sehr gut von den Tageszeiten. Auch die Ausarbeitung jedes einzelnen Strips zeugt von Liebe zum Detail, sodass man sich wirklich in jedem einzelnen Bild verlieren könnte, denn stets fällt dem Betrachter ein weiteres kleines Detail im Bild auf. Was jedoch auch gleichzeitig mühsam ist, denn besonders die Bilder vom Heerlager oder des Trosses erschlagen den Leser und erzeugen den, ich nenne es mal “Zebra-Effekt”, da das menschliche Auge von soviel Konturen überfordert ist.

Das englische Heer auf dem Marsch in Frankreich

Das englische Heer auf dem Marsch

Die Bilder der Kämpfe sind durchaus gewalttätig und zeigen trotz den fehlenden Farben doch akkurat das Hauen, Stechen und die Verwundung. An manchen Stellen wirken die Bilder auch wie Artworks eines Handbuchs von D&D oder früheren PC-Spielen (ich erinnere euch an die wundervollen Beihefte von Videospielen mit erfundenen Geschichten, Charakterlegenden und Artworks^^). Alles in allem leistete Cáceres gute Arbeit, denn die Bilder sind eine Augenweide.

Der Gnadegott wird einem französischem Ritter ins Auge gestochen

William erklärt den „Gnadegott“ eindrucksvoll am lebendigen Beispiel

Soviel zum Künstlerischen…. Zwar ist meine Fachrichtung nicht das Spätmittelalter (ich bin ja schließlich kein Mediävist!), habe aber dennoch die gewisse Verpflichtung, nach ein bisschen Recherche ein paar Worte zur “Darstellung” zu lassen. Man merkt ziemlich schnell in den ersten Zeilen, dass William hier recht parteiisch vom Geschehen spricht und benutzt, dem einfachen Soldaten/Bauern geschuldet, eine recht blumige Sprache. Die Franzosen sind “käsefressende Kapitulationsaffen” oder “verdammten Frösche” und die Waliser “Schafficker”. Ob und wie es hier politisch korrekt ist, überlasse ich jedem selber, mich selbst hat die Sprache weniger gestört und verstehe, warum Ellis diese Worte wählte.

Der Hundertjährige Krieg in a nutshell

Aber historisch gesehen: Nein, ein großes nein sogar 😀 Das, was der Autor hier von sich gibt, ist in keinster Weise wirklich mittelalterlich, sondern eher eine neuzeitliche Betrachtung. Im Mittelalter selbst waren die Königreiche keineswegs auf einen nationalen Fokus gepolt, was Patriotismus bzw. einen nationalen Zusammenhalt absurd erscheinen lässt. Auch ist dieser vermeintliche Grund, Lebensraum zu erobern, schlichtweg falsch. Der Konflikt, den wir als “hundertjährigen Krieg” kennen, fand wegen eines Rechtsstreit zwischen den beiden Königen statt. Der englische König besaß im Mittelalter viele Teile von Frankreich, darunter auch die Fürstentümer Aquitanien und die Normandie. Da dies aber französische Fürstentümer in englischer Hand waren (Angevinisches Reich) und der englische König aus der französischen Adelsfamilie Plantagenet stammte, hatten die englischen Könige eine Doppelrolle. Zwar waren sie als englische Könige den französischen Königen rangmäßig gleichgestellt, ABER gleichzeitig als Grafen und Herzöge des französischen Königs diesem lehnspflichtig. Das führte immer wieder zu Spannungen und schließlich zu dem sogenannten hundertjährigen Krieg. Das nur in aller Kürze 😀

Ellis‘ völlig falsche Erklärung für den Hundertjährigen Krieg

Die Armeen

Die Schlacht bei Crécy ist nicht nur wegen der ungleichen Heeresstärken(12.000 vs 20.000-25.000 Mann) so interessant, sondern auch, weil hier zwei unterschiedlich aufgestellte Armeen aufeinandertrafen. Das französische Heer, seinerzeit eines der schlagkräftigsten Europas, bestand im Wesentlichen aus der klassisch-mittelalterlichen Zusammensetzung. Den Hauptkern bildeten die Adeligen als schwere Kavallerie, die von leicht- bis ungepanzerten Bauern und besser ausgerüsteten genuesischen Söldnern mit ihren Armbrüsten bestand. Wie üblich sah die Taktik vor, dass zuerst die Armbrustschützen feuerten und schließlich Platz für den Sturmangriff der schweren Reiterei machten. Die leichte Infanterie folgte der Kavallerie und mischte als Unterstützung mit.

Der französische Adel beim Sturmangriff

Der französische Adel formiert sich zum Sturmangriff

Die britische Armee hingegen war völlig anders aufgestellt, was nicht zuletzt auf einige königliche Dekrete zurückzuführen war. So wurden beispielsweise anstatt von leibeigenen Bauern richtige Verträge zwischen Vasallen und Soldaten aufgestellt, die für einen festgelegten Zeitraum neben Ausrüstung und Bewaffnung eine festgelegte Summe erhielten. Gleichzeitig wurde per Gesetz bestimmt, dass sich jeder wehrfähige Mann regelmäßig im Bogenschießen üben sollte. Doch auch von den früheren Eroberungszügen in Wales und Schottland entwickelte sich die britische Armee weiter. Genau wie in der französischen Armee bestand das Rückgrat der Engländer vor allem aus den Rittern, die nun jedoch abgesessen kämpften und als schwere Infanterie bei den Bogenschützen stand. Die Haupttaktik sah vor, dass die englische Armee meist in einer defensiven Stellung stand, geschützt von angespitzten Pfählen und hunderten kleiner Fallgruben, die gegen den Ansturm der feindlichen Kavallerie schützte. Durch koordiniertes Feuern wurden große Lücken in die feindlichen Reihen gerissen, durch die schließlich die schwere Infanterie eingriff und unter Flankenfeuer der Langbogenschützen zum Rückzug zwang. Die Kavallerie griff erst ab diesem Zeitpunkt ein und machte den fliehenden Feind nieder.

Das Bild zeigt genuesische Söldner beim nachladen und im Pfeilhagel

Die genuesischen Söldner unter Pfeilhagel

Chainmails, chainmails everywhere!

Auch die Darstellung der historischen Rüstungen und Gewänder haben so ein paar kleinere Fehler, scheinen im Großen und Ganzen aber ins Spätmittelalter zu passen (auch wenn manche Plattenrüstungen an Fantasy erinnern). Allerdings tragen die englischen Bogenschützen meiner Meinung nach zu oft Kettenhemden und weniger den typischen gepolsterten Wams (bzw. Brigantine/Gambeson). Ein großes Ärgernis (für meine Augen) sind aber die “Piratenstiefel” von William, die definitiv nicht aus dem Spätmittelalter stammen, sondern gerne als mittelalterlich geltende Stiefel von Leuten auf dem Spectaculum getragen werden, um “mittelalterlich” auszusehen (am Besten zu einem Baumwollhemd. Gnah!). Ansonsten ist die Bewaffnung von William und seinen Zeitgenossen recht akkurat, auch wenn die Armschienen der Bogenschützen vielleicht nicht ganz authentisch sind. Auf zeitgenössischen Malereien findet man das nicht. Ob und wie oft wirklich die Wappenröcke der Briten von einem Kreuz geziert wurden, ist für mich leider nicht nachvollziehbar. Denkbar ist aber, dass es verschiedenfarbige Wappenröcke gab und das Schlachtfeld dadurch, im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Annahme im Mittelalter gäbe es nur Leder und dunkle Farben, farbenfroher wirkte.. Aber besonders schlimm finde ich das jetzt nicht, denn zum einen habe ich schon viel gröbere Schnitzer gesehen und zum anderen hilft das dabei, in den schwarz-weißen Zeichnungen die Parteien unterscheiden zu können.

Eine historische Darstellung der Schlacht bei Poitiers aus der Grandes Chroniques de France (ca.1415)

Die Schlacht bei Poitiers (1356), Buchmalerei aus der Grandes Chroniques de France (ca.1415). Quelle: Wikipedia

Crécy – Zwischen Wow und Facepalm

Nun, ehrlich gesagt bin ich vom Comic hin- und hergerissen. Einerseits kann ich nicht viel Negatives sagen: Die Story ist an sich nicht anspruchsvoll, zielt aber eher darauf ab, Geschichte lebendig zu machen. Genau das setzen auch die Artworks schön um, weswegen es sich schon lohnt, die Seiten durchzublättern. Dass William eher wie ein Dorfschläger erscheint, finde ich weniger schlimm, denn er ist eben kein Adliger, sondern Fußsoldat.

Was jedoch so gar nicht geht, ist die komplett falsch dargestellte Handlung des Konflikts, den man auf keinen Fall mit dieser plumpen und falschen Erklärung rechtfertigen kann. Das wurde von den Akteuren auch nie so beansprucht. Wenn ich böse wäre, würde ich behaupten, dass Warren Ellis sich nicht wirklich mit dem Thema beschäftigte (und dann stellt sich die Frage, warum er den Konflikt als Kulisse nutzte).

So oder so, “Crécy” KANN man sich anschauen, wenn man es wie “300” als Comic ansieht. Der Comic taugt bestenfalls als Einstieg in das historische Thema. Für eine weitere Auseinandersetzung rate ich aber dringend zu Wikipedia, Arte-Dokus oder zum Gang in die Bibliothek.

Kategorien: Comics

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